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Film-SchauUm auf dem Münchner Filmfest die Filme zu sehen, die man gerne möchte, benötigt man Überblick und Zeit, sich in die Schlangen vor den Ticketschaltern zu stellen. Unsere gesamte Redaktion ist auch in diesem Jahr wieder unterwegs, um möglichst viel zu sehen und darüber zu berichten. Also werden wir die Kinosessel und unser Sitzfleisch wieder stark strapazieren und uns den Filmen, der aus aller Welt angereisten Filmemacher, die auf dem Münchner Filmfest Ihre neusten Werke präsentieren, widmen. Und wie jedes Jahr hat man auch die Chance mal nicht nur Hollywood-Produktionen zu erleben, sondern auch internationale Filme, die wahrscheinlich nicht außerhalb von Festivals bei uns laufen werden. Traditionsgemäß ist das Münchner Filmfest auch ein Ort der Begegnung mit zahlreichen Regisseuren. Selbstverständlich werden wir die interessantesten Gespräche im Movie-College veröffentlichen: dieses Jahr konnten wir uns mit Christoph Hochhäusler, Benjamin Heisenberg und den Brüdern Jean Pierre und Luc Dardenne unterhalten.
Bombón- Eine Geschichte aus Patagonien
Der 52jährige Juan Villegas hat es nicht leicht. Früher war er
Mechaniker in Patagonien. Kein Leben im Luxus, aber man war zufrieden.
Jetzt ist er arbeitsloser Mechaniker, und ihm bleibt nicht viel mehr als
sein unerschütterlicher Optimismus zum Überleben. Er schnitzt Messer und
versucht diese- ohne Erfolg- zu verkaufen. Sehr minimalistisch wird die Geschichte des arbeitslosen Mechanikers erzählt. Das ist gewöhnungsbedürftig, da die Handlung ähnlich karg bleibt wie die patagonische Landschaft, und doch wird diese Schlichtheit von einer Liebenswürdigkeit und Genauigkeit in der Betrachtung unterwandert, so dass man schnell gebannt auf die Leinwand blickt. "Bombón- El Perro" ist eine kleine, liebevolle und manchmal melancholische Geschichte über die Wichtigkeit von Demut und Glauben an die Menschheit. Man ist als verwöhnter Westeuropäer fast beschämt, wenn man plötzlich mit nachvollzieht, welchen ideellen Wert eine billige Sonnenbrille haben kann, die man an einer Tankstelle gewinnt. Gesehen von Johannes Prokop
Der Duft von Lavendel
Originaltitel: Ladies in Lavender Gesehen von Johannes Prokop Drum
"Drum" erzählt die authentische Geschichte des afrikanischen Journalisten Henry Nxumalo, der vom Sportreporter des Johannesburger Magazins "Drum" zum kritischen Apartheids- Gegner wurde und unter Lebensgefahr in Gefängnissen und Arbeitsfarmen des Buren-Regimes recherchierte. Zusammen mit dem deutschen Fotografen Jürgen Schadeberg riskierte er sein Leben, um Missstände im Südafrika der 1950er Jahre aufzudecken. Die dem Film zugrunde liegende Geschichte ist bewegend und tragisch, Nxumalo wird zuletzt von einem Auftragskiller ermordet. Der Film hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Weder spürt man, dass es ein Film von heute ist,- stilistisch nicht historisch betrachtet, noch ist die emotionale Bewegung der Bedeutung der Geschichte angemessen. Was in der realen Situation der 50 er Jahre in Südafrika brisant, gefährlich, menschenverachtend war, muss einem Publikum und insbesondere einer jungen MTV- und Klingelton-Generation auch emotional vermittelt werden. Vielleicht liegt es an der coolen Musik, die in regelmäßigen Abständen für beschwingte Stimmung sorgt. Hier wäre es wünschenswert gewesen, die Musik hätte sich emotional stärker eingemischt, kommentiert, hätte den Zuschauer mehr geleitet. Dann stolpert man über diverse Klischees, die selbst, wenn sie real sind, etwas differenzierter in einem Film erzählt werden könnten. So wird praktisch ständig in dem Film gesoffen, die ganze Zeitungsredaktion steht permanent unter Alkohol. Natürlich war und ist Alkohol auch ein Ort der Flucht vor trister Realität, doch das Motiv wird überstrapaziert. Einerseits ist die Geschichte stark, andererseits bringt der Film sie uns nur bedingt nahe. Zu Anfang sind die Figuren teilweise etwas überinszeniert, aber nach dem ersten Viertel des Filmes bieten die Darsteller sehr gute Leistungen. Zwei der Darsteller sind als Gäste in München: Moshidi Motshegwa als Nxumalos Ehefrau und Bonnie Mbuli als seine Geliebte. Wenn Nxumalo auf der Gefangenenfarm zur Arbeit gezwungen wird und wir ihn inmitten von Häftlingen sehen, die sich vermutlich nichts anderes haben zuschulde kommen lassen, als keine weiße Hautfarbe zu haben, bewegt einen der Gedanke, weniger die filmische Umsetzung. Der Film nutzt nicht die Chance, seine Zuschauer mitzureißen, aufzuwühlen, zu ähnlicher Wut gegen das Apartheids-Regime anzurühren. Es ist die dem Film zugrunde liegende historische Geschichte, die uns am stärksten ergreift, vielleicht hat sich der Regisseur Zola Maseko zu sehr auf die historische Kraft des legendären Journalisten verlassen. Gesehen von Mathias Allary
Schläfer
"Schläfer" ist nur am Rande ein Film über die Angst seit dem 11. September, die Möglichkeit von neuen Anschlägen und das Misstrauen gegenüber der arabischen Welt. Vielmehr ist es ein Film über Freundschaft, über Eifersucht und unterdrückte Gefühle- und die Korrumpierbarkeit eines eigentlich integren Mannes. Der Biochemiker Johannes tritt einen neuen Job an der TU München an.
Noch vor seinem ersten Arbeitstag bittet ihn eine Frau vom
Verfassungsschutz (Gundi Ellert), Informationen über seinen künftigen
Kollegen Fahrid zu sammeln. Entrüstet lehnt er ab. Trotz gelegentlicher
Ungereimtheiten (z.B. sind die Fenster in Fahrids Wohnung zugeklebt)
entwickelt sich zunächst Freundschaft zwischen den beiden
grundverschiedenen Männern, die- mit verschiedenen Ansätzen- am
demselben Projekt arbeiten; sie schaffen es, die Konkurrenzsituation in
eine fruchtbare Zusammenarbeit umzuwandeln. Es sind die Alltagsbeobachtungen, die dieses Erstlingswerk so sehenswert machen. Benjamin Heisenberg wird zur so genannten "Neuen Welle" gerechnet- Filmemacher mit einem eigenen Stil, der die Kleinigkeiten, die alltäglichen Situationen hervorhebt und in ihnen nach Hinweisen sucht, was die Protagonisten bewegt. "Schläfer" ist ein beeindruckender Film, dem man den "Erstling" gar nicht anmerkt. "Schläfer" lief dieses Jahr in Cannes unter der Rubrik "Un Certain Regard" und war auf dem Filmfest München in zwei Kategorien für den Regie-Nachwuchspreis nominiert. Wer wissen will, was das deutsche Kino Neues und vor allem Interessantes zu bieten hat, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen. Gesehen von Johannes Prokop
The Child
Originaltitel: L'enfant Bruno,20 und Sonja,18 sind Eltern geworden. Das Problem: sie lebt von der Sozialhilfe und er ist der Anführer einer jugendlichen Diebesbande, immer auf der Suche nach Diebesgut, das man verkaufen kann. Bruno lebt ein Leben ohne Verantwortungsbewusstsein und Reife. Die Bindung zum Kind ist nicht besonders groß, und so verschachert er es an einen Kinderhändlerring. Erst Sonjas Reaktion stößt ihn darauf, dass das keine Meisterleistung war und man irgendwann auch Verantwortung übernehmen muss. Ohne ihre Unterstützung scheint nun alles irgendwie schief zu gehen. Als einer der Jungen bei einer Diebestour geschnappt wird, hat Bruno die Gelegenheit zu zeigen, ob er etwas dazugelernt hat. Lange nicht mehr hat man zwei Darstellern so gerne beim Schweigen zugeschaut- die Dardenne-Brüder lassen sich ganz auf Jérémie Renier und Déborah Francois ein und führen diese zu Höchstleistungen. Jede Einstellung ist genau durchdacht und von den beiden Hauptdarstellern toll umgesetzt. In langen Einstellungen zeigen die Regiebrüder den Alltag der gesellschaftlichen Außenseiter und kommen dabei gänzlich ohne Klischees, Effekte oder psychologische Plattheiten aus. Gesehen von Johannes Prokop
Falscher Bekenner
Auch Christoph Hochhäusler wird zur "Neuen Welle", der so genannten "Berliner Schule" gerechnet. Auch er zeigt alltägliche Situationen und die Leere, die in ihnen steckt. Er konzentriert sich auf die Sicht und (fehlende) Perspektive eines Jugendlichen: der 18jährige Armin ist mit der Schule fertig. Er weiß nicht, was er will, was ihn interessiert und stromert durch die Nacht, immer ziellos unterwegs in der Hoffnung, dass in seinem Leben endlich einmal etwas passiert. Er schreibt Bewerbungen, aber spätestens beim Bewerbungsgespräch zeigt sich schnell seine Lustlosigkeit und mangelnde Bereitschaft, das Spiel der Erwachsenen mitzuspielen. Er steht im Schatten seiner zwei Brüder, die es offensichtlich "geschafft haben", nützliche Mitglieder der Gesellschaft geworden sind. Statt dessen treibt er sich lieber an Autobahnraststätten herum, träumt sich in eine Welt aus homoerotischer Selbsterniedrigung und erwiderter Liebe. Eines Tages schreibt er einen Bekennerbrief für einen Unfall. Wichtigmacherei oder Ausbruchsversuch? Für eine kurze Zeit scheint das Leben ein bisschen lebenswerter. Doch auch dieser Traum kann nur mit einem bösen Erwachen enden. Es ist das Bild einer selbstzerstörerischen Identitätskrise, das
Christoph Hochhäusler zeichnet- nicht nur das Portrait einer einengend
miefigen Vorstadtfamilie. Dabei lässt die Schilderung des Familienlebens
manchmal ein bisschen Realitätsnähe vermissen. Die Dialoge sind
teilweise so, wie man sie aus Teenagerzeiten subjektiv in Erinnerung hat,
sind also stark überzeichnet und eigentlich schon über der Grenze zur
Karrikatur. Insgesamt entwirft Hochhäusler aber ein beklemmendes Bild
eines orientierungs- und führungslosen Jugendlichen, der langsam in eine
eigene Welt abdriftet. Gesehen von Johannes Prokop
Batella en el Cielo
"Batella en el Cielo", ein kleiner Film ohne große Stars, sondern mit Laiendarsteller, ohne Special Effects, und leider größtenteils sogar ohne Handlung. Eine mehr als ausführliche Fellatio-Szene zwischen einer jungen und attraktiven Frau und einem ziemlich ungepflegten älteren Mann steht zu Beginn von Batella en el Cielo. Entgegen unserer Erwartungen, ist es aber keine Untergebene, die ihrem Chef zu Diensten ist, sondern ganz im Gegenteil. Der Mann (Marcos Hernandez) ist der Chauffeur des Vaters der jungen Frau (Anapola Mushkadiz). Diese jobbt nebenbei als Prostituierte, jedoch nicht wegen des Geldes sondern des besonderen Kicks, den ihr dieses verbotene Tun erschließt. Nicht nur sie hat ein dunkles Geheimnis, auch der Chauffeur trägt etwas Belastendes mit sich herum. Zusammen mit einer dickleibigen Frau entführte er ein kleines Kind, welches bei der Geiselnahme ums Leben kam. Sein Geständnis Ana gegenüber macht seine Verzweiflung nur noch schlimmer. Was dem Film gänzlich fehlt, ist der innere und äußere Zusammenhang der Geschehnisse, die Suche des Zuschauers wird durch Carlos Reygadas nicht durch Bedeutung belohnt. Anstelle eines Sinns werden dem Zuschauer während 99 Minuten zahlreiche unästhetische, geradezu pornographische Sexszenen zwischen unattraktiven Menschen zugemutet. Die Sexszenen zwischen der attraktiven Ana und dem ungepflegten, hässlichen Marcos wechseln sich mit den Sexszenen des schwer übergewichtigen Paars, Marcos und seiner Frau, ab. Wenn man genug stark ist und hinsehen kann, lernt man, dass auch übergewichtige Menschen Spass im Bett haben können. Das einzige überzeugende und interessante an diesem Film ist die Montage. Viele Szenen beginnen nicht mit einer üblichen Totalen Einstellung, die die Darsteller in ihrer Umgebung etabliert, sondern mit Nahen, zum Teil auch Detail-Einstellungen. So sieht man über eine längere Zeit bildfüllend den Kopf von Marcos und seiner Frau, die schweigend in einer Fußgängerpassage stehen und um sich kucken. Erst nach Minuten werden die Einstellungen Totaler und der Zuschauer erfährt, dass Marcos und seine Frau in dieser Fußgängerpassage hinter einem Stand stehen und Gegenstände verkaufen. Dieser Bildaufbau gibt den Szenen eine gewisse Spannung und hält den Zuschauer wach, da dieser selbst das eigentliche Bild aus einem Puzzle von nahen Einstellungen zusammenbauen muss. Gesehen von Christine Repond
SonatineRegie: Takeshi Kitano Japan, 1993
Auch das Leben eines Yakuzas kann schnell eintönig werden: Bandenkriege, Schießereien und Morde. Selbst der Besuch eines dienstleistungsorientierten Etablissements oder das genussvolle Foltern eines zahlungsunwilligen Spielhallenbesitzers (an einem Kran über einem Gewässer hängend) bringen nicht die nötige Abwechslung. Folglich kommt auch bei Yakuza Murakawa (Takeshi Kitano) keine rechte Freude mehr an seinem Beruf auf. Sein Boss Kitajima schickt ihn und seine Gefolgschaft schließlich nach Okinawa um dort den Streit zwischen zwei verfeindeten Clans zu schlichten. Kaum angekommen und einen Mordanschlag später, bemerken sie, dass sie in eine Falle getappt sind. In stark reduzierter Anzahl taucht die Gruppe erst einmal in einem abgelegenen Strandhaus unter. Langeweile macht sich breit, der die Männer durch zunehmend absurdere Spiele zu entgehen versuchen: russisches Roulette, Sumo-Ringkampf und - als Frauen verkleidet - durch Tanzeinlagen. Eines nachts rettet Murakawa eine Frau vor einer Vergewaltigung. Eine zarte Liebe entwickelt sich zwischen den beiden und die Frau schließt sich der Gruppe an. Als schließlich ein Killer auftaucht, beschließt Murakawa die Drahtzieher zu stellen. "Sonatine" gehört zu den frühen Filmen des japanischen Filmemachers Takeshi Kitano. Kitano führte bei diesem Film nicht nur Regie, schrieb das Drehbuch und übernahm den Schnitt, sondern spielte zudem die Hauptrolle des von seinem Leben gelangweilten Yakuzas Murakawa. Der Tod ist allgegenwärtig, aber er bereitet Murakawa keine Angst. Er betrachtet ihn viel mehr als Erlösung seines eintönigen Lebens. Das Warten auf den Tod steht im Zentrum des Films. Der Tod ist das unausweichliche Schicksal eines Yakuzas, was Kitano in erster Line durch die Liebesbeziehung zu Miyuki verdeutlicht. Besonders im mittleren Teil des Films, der sich deutlich durch seine friedliche und kindliche Atmosphäre vom Anfang und vom Ende des Films abgrenzt, eröffnet Kitano eine Perspektive auf ein anderes Leben. Obwohl Murakawa den Showdown mit den Drahtziehern der Intrige überlebt und er die Chance hat, ein neues Leben zu beginnen, verlässt Regisseur Kitano mit der Figur des Murakawa nicht den Schicksalsweg eines Yakuzas: Auf dem Weg zu seiner Geliebten, jagt sich Murakawa eine Kugel in den Kopf. Kitano entscheidet sich bewusst gegen eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive - das einzig sinnvolle Ende um nicht in ein plattes Happy End abzudriften. "Sonatine" ist zwar auch ein Gangsterfilm, aber in erster Linie eine tragisch-komische Reflexion des japanischen Yakuza-Daseins samt dem dazugehörigen Filmgenre. Wichtigstes Stilmittel Kitanos ist neben dem minimalistischen Einsatz von Handlung, Mimik (auffällig ist der gleichgültige Blick einer Gruppe von Yakuzas in die Kamera), Dialogen und Musik, die kontrastive Gegenüberstellung von ruhigen, stillen Momenten, in die schonungslos und explosionsartig die Gewalt einbricht, während weiterhin die Musik leise vor sich hin spielt, wodurch unweigerlich ein grotesk-komischer Unterton erzeugt wird. Ein sehenswerter, aber eigenwilliger Film. Gesehen von Birgit Bagdahn
Be here to love me: a film about Townes van Zandt
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Großer Poet in großer Einsamkeit |
„Be here to love me“ ist eine Dokumentation über den Poeten und Songwriter Townes van Zandt, der 1997 an den Folgen seiner Alkohol- und Drogensucht zugrunde ging.
Regisseurin Margaret Brown hat jede Menge
nostalgisches Filmmaterial eingebaut, das Townes in allen möglichen
Situationen, meist beim Singen seiner Lieder, zeigt. Sie schildert die
Stationen seines Lebens, lässt Kollegen und Exfrauen zu Wort kommen und
zeigt immer wieder Townes bei Konzerten, was insofern interessant ist, da
sich so der jeweilige gesundheitliche und geistige Zustand einschätzen
lässt. Immer wieder eindrucksvoll eingewoben sind Ausschnitte aus einem
der wohl letzten Interviews vor seinem Tod: unglaublich, welche
Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und Leere aus diesen Augen blicken.
Mit seinem Leben zurecht kam er wohl die seltenste Zeit: nach einem Sprung
aus dem Fenster und einer anschließenden Elektroschockbehandlung in der
Psychiatrie sind Teile seiner Erinnerung ausgelöscht- was einer
Stabilisierung der eigenen Identität nicht gerade förderlich war.
Insgesamt lebt die Dokumentation von Townes van Zandts Musik- was durchaus zum Problem werden kann. Denn wer nicht ausgesprochener Fan dieser Nashville- Tennessee- Gitarren- Country- Musik ist, ist nach spätestens 10 Minuten am Rand seiner Aufnahmekapazität angekommen. Außerdem springt der Film zu oft in der Zeit vor und zurück; um den Verfall und die darin liegende Entwicklung aufzuzeigen, wäre eine linearere Struktur durchaus die bessere Wahl gewesen. Musikfans und Freunde melancholisch-poetischer Texte werden sich dadurch aber nicht abschrecken lassen.
Gesehen von Johannes Prokop
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Nicht alle Blumenkinder waren später glücklich mit ihrer Vergangenheit |
„Commune“ lässt verschiedene Personen des Black Bear Ranch, einer Kommune im kalifornischen Siskiyou County, über das Leben in der Gemeinschaft und die Probleme, die dabei aufgetreten sind, zu Wort kommen.
Finanziert hauptsächlich von Rockstars mit zu viel Geld, stellten sich schnell recht alltäglichen Sorgen ein- wie schafft man es, eingeschneit an Medikamente und vor allem Essen zu kommen? Wie meistert man Geburten, so fernab von der nächsten Stadt? Wie schafft man es, all die verschiedenen Strömungen der Flower Power Bewegung in eine Gemeinschaft zu integrieren?
Gerade als „Nachgeborener“ ist es interessant, anhand von in den 70er Jahren gedrehtem Material diese Zeit noch einmal aufgewärmt zu bekommen. Interessant ist auch, wenn Leute von ihrem Erweckungserlebnis erzählen, die äußerlich eigentlich einen konservativen, bodenständigen Eindruck machen.
Etwas störend ist der bemüht künstlerisch-unruhige Stil, den Jonathan Berman für seine Dokumentation wählt. Selbst die neu gedrehten Teile (bis auf die Interviews) imitieren die schlechte Qualität des alten Originalmaterials, und machen- zusammen mit einem sehr unruhigen Herumspringen bei den Motiven- den Film doch sehr anstrengend. Zusätzlich hat Berman immer wieder Zwischentexte in poppiger Schriftart eingeblendet, was das Chaos nicht gerade einfacher macht.
Einen der interessantesten Aspekte, wie die Kinder, die dort aufgewachsen sind, später diese Zeit sehen und damit umgehen, wird eher am Rande gestreift- vielleicht die Idee zu einer weiteren Dokumentation. Etwas zu quirlig und unruhig, so dass das Potential eines interessanten Themas nicht ganz ausgeschöpft wird.
Gesehen von Johannes Prokop
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Es geht rau zu im Bordell |
"Mon Ange" ist ein modernes Märchen. Colette (Vanessa Paradis) arbeitet als Prostituierte, kennt das Leben und hat doch den Traum von einem besseren Leben nicht aufgegeben. Eines Tages nimmt sie den Anruf einer völlig Fremden entgegen: eine ehemalige Prostituierte kommt am nächsten Tag aus dem Gefängnis und bittet sie, ihren 16jährigen Sohn im Heim abzuholen und zum Bahnhof zu bringen.
Widerwillig macht sie sich auf den Weg und trifft auf einen naiven Jungen, der außer dem Heim nichts kennt und die Welt für sich erst entdecken muss. Doch seine Mutter kommt nicht zum verabredeten Treffpunkt. In einem Krankenhaus finden sie ihre Leiche. In einem Schließfach hatte sie nämlich ihr Erspartes deponiert, um mit ihrem Sohn in die Freiheit zu fliehen. Doch ihr Zuhälter ist auf der Suche nach dem Schlüssel für das Fach, und da sie den Schlüssel nicht hatte, verfolgt er nun den Jungen.
Die beiden können jedoch mit dem Geld fliehen und machen sich auf den Weg- zuerst zu seinen Verwandten, um ihn dort unterzubringen. Langsam kommen sie sich während ihrer Reise näher. Colette führt den Jungen behutsam bei seinen ersten Gehversuchen in der Wirklichkeit und bekommt dafür das Zutrauen und die Wärme eines gesellschaftlich nicht vorbelasteten Menschen. Schließlich traut sie sich, ihrem Traum zu folgen und sucht ihre Jugendliebe auf, in der Hoffnung, dass dieser auf sie gewartet hat.
Es ist eine sehr märchenhafte Bildsprache, die Serge Frydman
verwendet; selbst die rot beleuchteten Schaufenster der Prostituierten
wirken romantisch-verklärt. So sieht man die Frauen auch niemals in
Aktion, damit der kindliche Blick auf das Gewerbe erhalten bleiben kann.
Der Junge steht dabei für einen Neuanfang, einen Menschen ohne Vorurteile
und gesellschaftliche Prägungen, mit dem alles möglich ist. Ein Wink mit
dem Zaunpfahl ist dabei die Szene, in der er ohne weiteres den Karton mit
dem Geld gegen bunte Turnschuhe eintauschen würde- es gibt mehrere solche
Momente, in denen man dem Regisseur gerne zurufen würde, dass man's auch
so kapiert hat...
Ein Glücksgriff bei der Besetzung ist Vincent Rottiers, der nicht nur
unheimlich ausdrucksstark ist, sondern sowohl die sprachlose Hilflosigkeit
des Jungen als auch den enorm erwachsenen Ernst des jungen Mannes
eindrucksvoll verkörpert.
So gut wie gar nicht angesprochen werden die Schattenseiten des Milieus- gut, es gibt den Zuhälter, der über Leichen geht. Aber welche sozialen Folgen zum Beispiel der langjährige Heimaufenthalt des Jungen bzw. sein Verhältnis zur faktisch nie vorhandenen Mutter hat, wird ganz unter den Tisch gekehrt. Auch die Attacke gegen den Mörder seiner Mutter kann man nicht wirklich als latente Aggression verstehen. Gut, es ist ein Märchen- aber die Grenzen dieses Konzepts sind zumindest sichtbar.
gesehen von Johannes Prokop
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Vorbereitung fürs Kabuki-Theaterl |
Regie: Yukiko Takayama Japan, 2003
Eine junge Frau, bekleidet mit einem farbenprächtigen Kimono, steht
umgeben von Wolkenkratzern auf einem Hochhausdach. Eine Sekunde später
gleitet ihr Kimono sanft in Wellenbewegungen durch die Lüfte. Shiori ist
in den Abgrund gesprungen. Diese traumähnliche Welt, die dem Zuschauer zu
Beginn des Films eröffnet wird, ist die Welt des traditionellen
japanischen Kabuki-Theaters. Shiori war die einzige weibliche Schülerin
des Kabuki-Lehrmeisters und Frauendarstellers Tomitaro Murakami. Um eine
Erklärung für den Selbstmord ihrer Zwillingsschwester zu finden, begibt
sich Haruka in die Welt des Kabuki-Theaters und wird ebenfalls Tomitaros
Schülerin. Auch sie fühlt sich zunehmend zu ihrem Lehrmeister hingezogen
und gerät an ihre Grenzen, als er ihr das Geheimnis für eine vollkommene
Darstellung offenbart: "Wenn du eine Frau perfekt darstellen willst,
musst du aufhören, eine Frau zu sein."
Die Handlung von "Musumedojoji" ist schnell erzählt. Was den Film auszeichnet, ist die unbändige Liebe zum Filmemachen, die sich in jeder Sekunde des Films ausdrückt. Es gelingt Regisseurin Yukiko Takayama nicht nur, die faszinierende Welt des Kabuki-Theaters, die sich in dieser Intensität sonst nur dem Japan-Urlauber erschließt, dem Kinozuschauer erfahrbar zu machen, als wenn er selbst vor Ort anwesend wäre, sondern zudem die geheimnisvolle Welt auch dann fortzusetzen, wenn die Filmbilder nicht die Bühnendarstellung zum Inhalt haben, sondern sich auf die Beziehung zwischen Tomitaro und Haruka konzentrieren. Takayama geht es um den Gegensatz zwischen der japanischen Tradition und dem modernen Fortschritt. Der Kontrast zwischen den Innenräumen des Kabuki-Theaters mit seinen japanischen Höflichkeitsritualen und den Hochhäusern und Handys des Lebens außerhalb, wird durch die Brechung der Kabuki-Tradition mit der Besetzung einer Frau verstärkt.
Nach eigenen Aussagen will Takayama durch die Verbindung dieser Gegensätze die Stellung der Frau in der Arbeitswelt und die Barrieren, die sich ihr dabei in den Weg stellen, versinnbildlichen. Besonders auffällig ist die ausgefeilte Bildkomposition von "Musumedojoji", dessen Geometrie einem japanischen Interior entspricht und den Film zu einem wahren Augenschmaus werden lässt.
Gesehen von Birgit Bagdahn
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Diese Schwestern sind wie Katz und Maus |
Regie: Alexandra Leclère
Hach, tut das gut! Wenn man während des Filmfests im Kino sitzt und Filme
nach dem Fließbandprinzip durchlaufen lässt und dann eine
herzerfrischend lockere französische Komödie wie "Les soeurs
fachées" mitbekommt.
Die Geschichte ist nicht sehr innovativ- eher französische "Klassik": die zwei Schwestern Louise und Martine haben eine schwere Kindheit auf dem Land hinter sich. Während die herzliche, zupackende Louise in der Provinz geblieben ist und als Kosmetikerin arbeitet, versucht die verhärmte, arrogante Martine, in der Pariser Oberschicht das Trauma mit Champagner und geistreichem bzw. sinnentleertem Gerede zu verdrängen.
Louise hat auf sehr romantische Weise einen neuen Mann kennengelernt und darüber ein Buch geschrieben. Sie kommt zu einem Termin mit einem Verleger nach Paris und hängt davor ein paar Tage daran, um die Schwester zu besuchen, die gar nicht so begeistert ist. Da prallen zwei äußerst unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander, Reibereien bleiben nicht aus. Und während Louise mit ihrer naiv-herzlichen Art die Männer der High Society im Sturm erobert, werden die Frauen immer giftiger. Als Martine erkennt, dass ihr Leben aus einem großen Gebilde aus unterdrückten Gefühlen und einem Haufen Lügen besteht, kommt es zum großen Krach. Doch Blut ist dicker als Wasser, und eine schlimme Kindheit auf dem Land schweißt zusammen.
Das Timing passt perfekt bei dieser Komödie. Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass das Schwierigste ist, einen Film locker und leicht wirken zu lassen- und dieser Film ist sehr, sehr locker, ohne dass dabei die ernsten Untertöne lächerlich erscheinen. Isabelle Huppert und Catherine Frot liefern eine geniale Schauspielerleistung ab. Wieder ein Beispiel dafür, welchen Stellenwert gutes Casting für einen Film hat.
gesehen von Johannes Prokop
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Irgendwann wird aus einem hoffnungsvollem Projekt blutiger Ernst |
Regie: Alison Murray
Zuerst wird man als Hollywood-genormter Kinobesucher nicht ganz schlau aus
diesem Film: ist das nun Mutter-Tochter-Melodram, Selbstfindungsgeschichte
eines Teenagers, Sekten-Sozialdrama oder künstlerisch ambitionierter Film
mit "Tanzeinlagen"? Es ist eine Mischung aus all diesem, und
wenn man das mal als Voraussetzung betrachtet, erschließt sich dem
Zuschauer ein ganz neuer, eigenwilliger Regiestil.
Es beginnt bereits mit Tanzschritten: ein Teenager bahnt sich mit schleppenden, stampfenden Bewegungen einen Weg durch die Menschenmenge in der Fussgängerzone. Intuitiver kann man den Seelenzustand der Figur zwischen lebensfroher Leichtigkeit und erdenschwerem Trotz fast nicht begreifbar machen. Immer wieder sind solche teilweise bizarren Einlagen in den Film eingebaut, zeigen die Hoffnungen und Motivationen der Protagonisten auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise- besonders der Mutter-Tochter-Tanz zwischen Vertrautheit und Freiheitsstreben oder der Freiheitstanz des entkommenen Pärchens zum Schluss sind Glanzpunkte des Films und verleihen ihm eine unverwechselbare Ästhetik.
Die Handlung verfolgt eigentlich keine einheitliche Thematik. Zu Beginn
schließt sich die 16jährige Sherry aus London in Berlin einer Gruppe
namens Sparks an, die das Ziel verfolgt, mit sozial schwachen Menschen-
Junkies, Obdachlose, orientierungslose Jugendliche- auf einer Farm in
Portugal eine Gemeinschaft aufzubauen, in der jeder seinen Platz hat, wenn
er sein Leben in den Griff bekommt.
In zwei alten VW-Bussen geht die Reise los. In der ersten Hälfte wähnt
man sich in einem Road Movie- das Zusammenleben der Gruppe wird gezeigt;
man besorgt sich Essen aus Abfallcontainern, wächst zusammen und fiebert
der Ankunft entgegen. Durch einen leichsinnigen, absolut dämlichen
Unfall stirbt bei einer außerplanmäßigen Rast das jüngste Mitglied der
Gruppe. Zum ersten Mal ist das Gleichgewicht gestört, und als der
charismatische Anführer beschließt, den Vorfall unter den Tisch fallen
zu lassen, um das Projekt nicht zu gefährden, ahnt man, dass dieser Film
ein eine andere Richtung gehen wird. In einem bizarren Ritualtanz um den
brennenden Bus verarbeitet die Gruppe das schockierende Erlebnis.
In Portugal spitzen sich die Ereignisse zu. Sherrys Mutter, die ihr gefolgt ist, findet Gefallen an dem Aussteigerleben und schließt sich der Gemeinschaft an. Der Anführer entpuppt sich immer mehr als Diktator, der mit drastischen Mitteln Verstöße gegen die von ihm aufgestellten Regeln ahndet. Immer tiefer geht die Gehirnwäsche, und zum Schluss schaffen es nur drei Personen, die Barriere im Kopf zu überwinden und aus diesem Gefängnis zu fliehen.
gesehen von Johannes Prokop
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Petr testet, ob ihn sein Paketstapler bis zur Ex bringt |
Regie: Petr Zelenka
In "Wrond side up" hat Petr Zelenka sein eigenes Theaterstück
(Tales of Common Insanity) adaptiert- ein Vorgehen, das bei Geldgebern im
Normalfall Kopfschmerzen hervorruft, hier jedoch zum Glücksfall wird.
Denn dem Film ist das Theaterstück überhaupt nicht anzumerken (im
Gegensatz zu z.B. Mike Nicholl's "Closer"). Mit einem
fantastischen Gespür für absurden Humor zeigt Zelenka die
Beziehungsunfähigkeit seiner Protagonisten. Und es ist eine
beeindruckende Sammlung illustrer Personen, die diesen Film bevölkern.
Da wären die Eltern von Petr. Die Mutter, die dem Vater einredet, er
hätte Alzheimer, süchtig ist nach Blutspende und in eine Lebenskrise
fällt, als ihr Blut die Qualitätskriterien nicht mehr erfüllt. Der
Vater, einst Sprecher für Wochenschauen, der erst aus seiner Lethargie
gerissen wird, als er eine junge Künstlerin kennen lernt. Ab sofort
rezitiert er die Nachrichten aus Sowjetzeiten auf Parties oder
Vernissagen.
Außerdem: die Nachbarn, die Petr dafür bezahlen, ihnen beim Sex
zuzusehen- Petr selbst betrachtet es als Nebenjob. Der Chef, der eine
leidenschaftliche Beziehung zu einer Schaufensterpuppe hegt. Last but not
least die Ex-Freundin, die die einzig Normale in diesem Haufen zu sein
scheint- bis herauskommt, auf welche Weise sie auf die Trennung von Petr
reagiert hat und so zu ihrem neuen Verlobten gekommen ist.
Der Flughafen, in dem Petr als Paketverteiler arbeitet, fungiert dabei als
Sinnbild für die Plan- und Orientierungslosigkeit der Figuren. Nach einem
zum totlachen komischen Film raubt einem noch der Schluss den Atem- das
Ende ist so geschickt vorbereitet, dass einen die Erkenntnis wie ein
Faustschlag in die Magengrube trifft. Auch der Filmtitel findet in diesem
Zusammenhang seine Erklärung.
Diese tschechische Produktion braucht den Vergleich mit den ganz großen Komödien nicht zu scheuen. Man hatte bei den deutschen Komödien in den letzten Jahren ja das Gefühl, dass sich "lustig" und "intelligent" gegenseitig ausschließen. Hier ist der Beweis (und die Anregung), dass eine Fusion nicht nur möglich ist, sondern der Film und das, was er erzählen möchte, dabei auch noch gewinnt.
Gesehen von Johannes Prokop
Gesehen von Johannes Prokop
Gesehen von Johannes Prokop
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